
Die Südostschweiz vom 01. Dezember 2009
Verletzungsgeplagt und mit leeren Energietanks hat sich Chur 97 in der Fussball-1.-Liga am Sonntag mit einer 0:4-Nieder- lage bei Zug 94 in die Winter- pause geschleppt. Trainer Beat Taxer zieht Bilanz und blickt auf einen schwierigen Frühling.
Mit Beat Taxer sprach Johannes Kaufmann
Das 0:4 bei Zug 94 ist die höchste Saison-Niederlage für Chur 97. Die Winterpause kommt für Ihre Equipe demnach nicht ganz ungelegen.
Beat Taxer: Das ist grundsätzlich richtig. Wir mussten in Zug mit Marco Stoop, Sandro Burkhardt, Walter Bürkli, Sandro Tschudi und Cyril Joos fünf unumstrittene Stammspieler ersetzen. Das ist mit unserem Kader unmöglich. Die Qualität in der Breite ist nicht vorhanden. Bereits in Chiasso, Schötz und Tuggen hatten wir ebenso viele Ausfälle zu beklagen. Wir waren jeweils chancenlos.
Ist die Ansammlung von Verletzungen bloss Wettkampfpech oder stiess die Mannschaft mit vielen 1.-Liga-Debütanten auch physisch an ihre Grenzen?
Beat Taxer: Sowohl als auch. Wir haben einige verletzungsanfällige Spieler im Kader, das war und ist Fakt. Beispielsweise Stammtorhüter Stoop, der immer wieder mal von Blessuren gebremst wird. Das gilt auch für Tschudi mit seinen Kniesorgen. Hinzu gesellte sich Wettkampfpech. Joos blieb in einem Zweikampf unglücklich hängen. Grosse Sorgen macht die Fussverletzung unseres Abwehrchefs Burkhardt. Nach wie vor ist nicht ganz klar, an was er exakt leidet. Ohne unseren Patron in der Innenverteidigung haben wir zwölf Gegentreffer in vier Partien kassiert. Das ist ganz klar zu viel, zumal wir eigentlich unsere Stärke in der Defensive haben.
20 Punkte waren vor Saisonbeginn Ihre Vorgabe für den Herbst, 20 Punkte wurden eingefahren. Herrscht nichtsdestotrotz eine gewisse Enttäuschung, da nach 13 Partien bereits 19 Zähler auf dem Punktekonto waren und somit in den finalen vier Spielen bloss noch ein Punkt hinzukam?
Beat Taxer: Das ist selbstverständlich schon etwas ärgerlich. Vor allem in Rapperswil-Jona wäre mehr dringelegen, wir waren in der zweiten Halbzeit nahe an zumindest einem Punktgewinn. Aber wie gesagt, die Personalsorgen liessen nicht mehr zu. Selbst die wirklich erstklassig besetzten Equipen in dieser Gruppe können die Absenz von vier, fünf Stammspielern nicht verkraften.
«Zarn hat seinen fixen Platz und blüht auf»
Es gab während der Halbserie zumindest von aussen betrachtet eine kritische Phase mit zwei Niederlagen in der Meisterschaft und einem 0:3 im Schweizer Cup beim unterklassigen FC Töss.
Beat Taxer: Da hatte ich Angst, dass es prekär werden könnte. Nach zwei Jahren an der Spitze der 2. Liga interregional musste die Mannschaft lernen, mit Niederlagen umzugehen. In einer Teamsitzung machte ich klar, dass es so nicht weitergehen könne. Die Spieler haben sich und ihre Leistung jedoch auch selbst hinterfragt und ein jeder kam zur Einsicht, dass er wieder mehr leisten muss. Diese Mannschaft besitzt Charakter. Zudem kam in dieser Phase der reaktivierte Marius Zarn zurück ...
... und er erwies sich als grosser Gewinn. Er spielte auf Anhieb besser als er dies in der Saison zuvor zumeist eine Liga tiefer getan hatte.
Beat Taxer: Daran war auch ich schuld. Er musste auf verschiedensten Positionen spielen, kam immer dort zum Einsatz, wo Not am Mann war. Jetzt hat er seinen fixen Platz im zentralen Mittelfeld und blüht auf. In der 2. Liga interregional waren die gegnerischen Spieler zudem sehr auf den früheren Challenge-League-Spieler fokussiert. Sie wollten ihn unbedingt stoppen. In der 1. Liga ist dies nicht mehr der Fall.
Chur 97 ist mit zahlreichen 1.-Liga-Neulingen einen riskanten Weg gegangen. Wer hat sich besonders bewährt?
Beat Taxer: Da gibt es einige. Ich komme gerne nochmals auf Burkhardt zu sprechen. Er war vor seinem Engagement in Chur bereits weg vom Fussball. Nun hat er sich auf Anhieb in dieser Spielklasse als herausragender Abwehrpatron präsentiert. Obwohl er nicht mehr der Schnellste ist, fällt dies nicht ins Gewicht, da er die Spielsituationen bestens antizipiert und oft schon vor dem Ball am Brennpunkt ist. An seiner Seite hat sich Daniel Lucktoll entwickelt. Ein Beweis, dass man bei entsprechenden Nebenleuten und klaren taktischen Vorgaben talentierte, junge Spieler aus tieferen Spielklassen einbauen kann. Mit seiner herausragenden Athletik kann Luck dereinst gar zum Kandidaten für eine höhere Spielklasse werden. Erwähnen möchte ich zudem Joos und Fabian Maffiew, die sich dank ihrer Schnelligkeit auf Anhieb durchsetzen konnten.
Auch für Sie bedeutet die höchste Amateurspielklasse Neuland. Mussten Sie Lehrgeld entrichten?
Beat Taxer: Nie zuvor habe ich eine dermassen lange Vorrunde absolviert. Deshalb stiess ich primär mental an meine Grenzen. In dieser Spielklasse sind fünf, sechs Profitrainer am Werk, einige erledigen ihren Job halbprofessionell. Ich hingegen bin im Vollamt beruflich tätig. Kommt hinzu, dass ich als Bauführer im Herbst besonders belastet bin.
«Von den Stürmern habe ich mehr erwartet»
Von den Kaderspielern mit 1.-Liga-Erfahrung stach nebst Zarn insbesondere Gabriel Derungs hervor.
Beat Taxer: Er hat noch einmal eine tolle Entwicklung vollzogen, vor allem technisch ist er bedeutend besser geworden. Derungs ist einer der herausragenden Spieler auf dieser Stufe. Viele gegnerische Trainer weisen extra auf seine Stärken hin. Positiv aufgefallen ist auch Mahmoud Abdulla, der bestens mit Zarn harmoniert. Stoop war im Tor ein sicherer Rückhalt. Philipp Jäckle ist ein Gewinn, auch wenn er nicht der geborene Abwehrchef ist. Walter Bürkli ist als primär defensiv orientierter Mann vor der Abwehr sehr wichtig für diese Mannschaft.
Kommen wir zu den weniger positiven Dingen. Das Sturmduo Mario Fausch/ Serkan Karamese erzielte zusammen bloss vier Tore. Das ist zu wenig.Beat Taxer: Von den Sturmspitzen habe ich ganz klar mehr erwartet, auch wenn berücksichtigt werden muss, dass sie in unserem Spielsystem viel nach hinten arbeiten müssen. Das beinhaltet eine hohe Laufbereitschaft. Nichtsdestotrotz ist der Ertrag zu gering. Das habe ich den beiden so mitgeteilt. Der Ligaerhalt lässt sich nur über mehr Stürmertore erreichen.
Mit Luca Piperno vom FC Balzers wurde im Hinblick auf den Frühling ein neuer Stürmer verpflichtet. Reicht diese Massnahme aus, um die stockende Torproduktion anzukurbeln?
Beat Taxer: Ich hoffe es. Piperno ist jung und schnell. Und vor allem ist er sehr ehrgeizig. Sein Fernziel ist der Sprung in den professionellen Fussball. Er wird den Druck auf Fausch und Karamese erhöhen. Das ist gut. Erstmals müssen die bislang gesetzten Angreifer um ihren Platz bangen. Das sollte sich positiv auf die Leistungen von Fausch und Karamese auswirken.
Juan Munoz von Orion Chur ergänzt zudem die Defensivabteilung.
Beat Taxer: Diesen Spieler wollte ich schon länger haben, jetzt hat es geklappt. Munoz absolvierte früher bei Chur 97 unter Trainer Fidé Fässler ein paar Einsätze in der 1. Liga. Ich bin überzeugt, dass er mithalten kann. Nicht mehr dabei sind Roman Fausch und Silvan Tomaschett, für die es auf dieser Stufe nicht gereicht hat. Fix ins Kader rückt zudem Noe Niederer aus dem eigenen Nachwuchs auf. Er soll langsam an diese Spielklasse herangeführt werden. Zudem führe ich demnächst ein informelles Gespräch mit Marco Vögeli. Der frühere Aussenverteidiger ist aus den USA zurück. Noch ist ungewiss, wie seine Zukunft aussieht.
Das sind nicht die grossen Transfers. Stösst das Konzept der regionalen Spieler an seine Grenzen?
Beat Taxer: Allzu viele Spieler, die das Rüstzeug für die 1. Liga mitbringen, gibt es in der Region ausserhalb von Chur 97 in der Tat nicht mehr. Ich möchte an dieser Stelle das Nachwuchsprojekt des Bündner Fussballverbandes kritisch hinterfragen. Seit zehn Jahren wird jährlich 300 000 Franken pro Saison in die Nachwuchsauswahlen des Verbandes investiert. Eigentlich müssten Jahr für Jahr ein, zwei Spieler mit Perspektiven für die 1. Liga aus diesem Programm hervorgehen. Das ist aber definitiv nicht der Fall. Vermutlich wäre es besser, dieses Geld an die Vereine mit vorbildlicher Nachwuchsabteilung zu verteilen. Chur 97, Landquart-Herrschaft, Ems und Thusis-Cazis leisten gute Arbeit. Und zum Vergleich: Landquart-Herrschaft operiert mit einem Jahresbudget von rund 200 000 Franken für den Gesamtverein.
Reichen die Vereinsstrukturen von Chur 97 für einen längeren Aufenthalt in der 1. Liga?
Beat Taxer: Ich sehe da ein Kardinalproblem. Es fehlt uns ein Teammanager, der ab und an die Trainings besucht und als Bindeglied zwischen Trainer und Mannschaft fungiert. Silvio Curschellas kann als Sportchef für den Gesamtverein und wegen seiner beruflichen Belastung diesen Job nicht übernehmen. Die Suche nach diesem Mann läuft schon länger, aber es ist nicht einfach, eine Person mit entsprechenden Fähigkeiten zu finden. Ansonsten denke ich schon, dass es möglich ist, mit einem hohen Anteil an einheimischen Spielern hier 1. Liga zu spielen.
Dafür muss im Frühling als erster Schritt der Ligaerhalt eingefahren werden. Wo sehen Sie Steigerungsmöglichkeiten in Ihrer Equipe?
Beat Taxer: Es wird sehr eng werden. Die Gruppe ist erstklassig besetzt. Ich nenne das Beispiel Cham: Die wollten vorne mitspielen und stecken mitten im Abstiegskampf. Ich erhoffe mir etwas weniger Pech mit Verletzungen. Und wie erwähnt: Wir sind auf mehr Stürmertore angewiesen.
Veröffentlicht am:
07:48:00 01.12.2009 von Peter Hartmann
|